Monika Gisler
Historikerin, schreibt eine Biografie über den Kernphysiker Paul Scherrer (erscheint Ende Jahr)
«Paul Scherrer war eine schillernde und extrem einflussreiche Person: Er trieb die Entwicklung der Kernphysik voran, spionierte die Nazis aus und holte die Atomkraft in den Aargau. Wenn er es gewollt hätte, dann wäre die Schweiz jetzt eine Atommacht.»
Bild: Paul Scherrer bei einer Vorlesung, Zürich 1955. Quelle: ETH-Bildarchiv / Comet Photo AG
Ich behaupte, wenn Scherrer gewollt hätte, dass die Schweiz Atomwaffen besitzt, dann hätte er das wirklich vorangetrieben und auch erfolgreich in die Wege geleitet.
Paul Scherrer ist 1890 in der Ostschweiz geboren und hat über Umwege an der ETH Physik studiert. Danach ging er ziemlich bald nach Göttingen. Das war anfangs des 20. Jahrhunderts das grosse Zentrum für Physik. Er erhielt relativ jung bereits eine Professur für Physik an der ETH. Ab anfangs der 1930er Jahre hat er sich hauptsächlich mit Kernphysik beschäftigt und konnte die ETH in diesem Bereich wirklich gut aufstellen.
Er war ganz klar ein Anti-Nazi und er war bereit, deutsche Physikerkollegen, etwas gross gesagt, «auszuspionieren». Das heisst, die wenigen Informationen, die man aus Deutschland noch erhielt, war er bereit, an die Amerikaner zu übermitteln.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, also wirklich kurz nachher, wurde er in die USA eingeladen und konnte verschiedene Labors besichtigen, die die Amerikaner während des Zweiten Weltkriegs im Rahmen ihrer Atomforschung installiert hatten. Das heisst, er konnte dort viel Wissen gewinnen, das in der Schweiz und überhaupt in Europa noch kaum bekannt war. Dann war klar, dass der Bundesrat wissen muss, was da Sache ist. Dafür hat dieser eine Kommission beauftragt mit Paul Scherrer als Vorsteher. Der Auftrag war es, Wissen zu akkumulieren zum Thema Atom. Und es ging dann auch noch ein Geheimauftrag an diese Kommission, dass auch der Bereich Atombombenforschung oder Atombombenbau ausgelotet werden soll, im Hinblick darauf, dass die Schweiz da allenfalls auch tätig werden und eine Atombombe entwickeln könnte. Paul Scherrer war daran interessiert, die Kernforschung voranzutreiben, aber ganz klar nicht im Sinne des Atomwaffenbaus.
Das Paul Scherrer Institut ist durch die Zusammenlegung von zwei vormals unabhängig voneinander existierenden Institut entstanden, die gewissermassen beide auf Paul Scherrer zurückgehen.
Einerseits hat man begonnen, Reaktoren zu entwickeln und gründete 1955 auch die Reaktor AG. Das war eine der Grundlagen des Paul Scherrer Instituts. Dann hat man aber auch, zur gleichen Zeit, auch 1955, eine grosse Konferenz in Genf ausgerichtet zum Thema Kernreaktor/Kernphysik. Die Amerikaner haben also tatsächlich einen kleinen Reaktor in die Schweiz transportiert und dort vorgeführt, wie Kerntechnologie funktioniert. Scherrer war das relativ rasch klar, dass es schwierig wird, dass die Amerikaner diesen Reaktor wieder zurücknehmen würden. Er nahm sofort, gemeinsam mit Walter Boveri, Kontakt mit den Amerikanern auf. Sie schafften es, den Reaktor zu kaufen und in der Schweiz, in Würenlingen, in Betrieb zu nehmen. Das war quasi die Grundsteinlegung des heutigen PSI.